„Liebe.Macht.Sinn“ – gerade in Betreuungseinrichtungen
„Liebe.Macht.Sinn“ gilt in jeder Beziehung und gerade in jener zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden. Unter diesem Motto referierten beim gestrigen „Haus der Barmherzigkeit FachFORUM“ Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal (Universität Wien), Univ.-Prof. Dr. Michael Meyer (Wirtschaftsuniversität Wien), Dr. Othmar Hill (HILL International), Mag. Alexander Bodmann (Caritas Wien) u.a. über das Dilemma von Angst vor Abhängigkeit und falsch verstandener Fürsorge im Pflegefall. Aber auch der Konflikt zwischen „professioneller Nächstenliebe“ in Betreuungseinrichtungen und deren betriebswirtschaftlichen Herausforderungen interessierte die rund hundert BesucherInnen.
Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger, Institutsdirektor und Ärztlicher Leiter des Haus der Barmherzigkeit brachte das gesellschaftliche Problem auf den Punkt: „Alte, pflege-abhängige Menschen sind sehr häufig einsam und isoliert. Sie wünschen sich Zuwendung und Liebe. Wenn das familiäre und soziale Umfeld diese Bedürfnisse nicht mehr stillen kann, was können sie von professionellen Diensten und Institutionen erwarten? Können sie so etwas wie Liebe „erkaufen“? Was kann den MitarbeiterInnen im Pflege- und Gesundheitsbereich überhaupt zugemutet werden, ohne selbst Schaden zu erleiden?“ Oft stehe die „Sorgekultur“ der pflegenden Personen im Widerspruch zum Wunsch nach Selbstbestimmung des Pflegebedürftigen. Dieser leidet unter seiner Abhängigkeit. Verhaltensforscher Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal von der Universität Wien weiß, warum Menschen ihre Angehörigen pflegen. Dabei handelt es sich um einen „altruistischen Impuls“, den es offenbar im stammesgeschichtlich alten Gehirnsystem gibt, so der Leiter der Konrad-Lorenz-Research-Station. Dieser „selbstlose“ Impuls in Form von Mitleid wurde früher vom Barmherzigen Samariter, heute scheinbar auch von zahlreichen „Charity-Ladies“ gelebt. Die Motivation kann dabei persönliches Prestigeverlangen ohne jegliche Kritik an strukturellen Rahmenbedingungen sein, so die Philosophin Mag. Katharina Lacina von der Universität Wien.
Ist Nächstenliebe organisierbar?
Auch alte, pflegebedürftige Menschen wollen gebraucht werden und selbstbestimmt altern. „Dieses Bedürfnis gilt es zu sehen, wenn das Pflegeheim zur Familie wird“, so der Soziologe Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland. Dazu sei es laut Univ.-Prof. Dr. Michael Meyer notwendig, dass „Management über die Anwendung betriebswirtschaftlicher Methoden hinausgeht. Menschliche Zuwendung und Aufrichtigkeit haben hohen Stellenwert unter allen Führungskräften“, macht sich der Vorstand des NPO-Institutes an der Wirtschaftsuniversität Wien für ein „Management jenseits des schnöden Geldes“ stark. Mag. Alexander Bodmann bestätigt, dass die Anforderungen an Führungskräfte im Betreuungs- und Pflegebereich steigen: „Jobprofile klingen wie die Suche nach einem Universalgenie“, so der Geschäftsführer der Caritas Wien. Dr. Othmar Hill macht die verdrängte Sterbeangst für den Turbokapitalismus unserer Gesellschaft verantwortlich. Mit einem humanistischen Management in Pflegeeinrichtungen sollte es gelingen, bedrohliche (Sterbensangst-)Gefühle auszudrücken und vom Pflegepersonal dabei verstanden zu werden. Dann sinkt das Angstniveau und es tritt eine gewisse existentielle Entspanntheit ein. Über den Sinn und Unsinn mit der lieben Macht in Pflegebeziehungen berichtete Dr. Doris Bach, Psychologin im Haus der Barmherzigkeit Seeböckgasse. Sie beobachtet, dass PflegerInnen, ÄrztInnen und TherapeutInnen oft Burn-out gefährdet sind. Um diesen entgegenzuwirken muss die persönliche Grenze zwischen „Müssen und Wollen“ gezogen werden.
Dr. Roland Paukner (Krankenanstaltenverbund), Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder (Universität Wien) und Dr. Heide Schmidt (IOGE) führten Vorsitz bei den einzelnen Programmblöcken.
Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger (Haus der Barmherzigkeit) nahm die Begrüßung vor.

